Die Letzte Chance

Ich hatte Gelegenheit, mit der Präsidentin und Begründerin der Gamaraal Foundation Anita Winter, in den Räumen des Archivs für Zeitgeschichte der ETH in Zürich, ein Gespräch zu führen. Das Archiv ist die erste Schweizer Station der Ausstellung „The Last Swiss Holocaust Survivors“, einer auch vom Eidg. Department des Äussern unterstützten Wanderausstellung mit Porträts von in der Schweiz lebenden Zeitzeugen der Shoah. Im Verlauf unseres Gesprächs ist aus einer reinen Frage und Antwort Abfolge ein Dialog möglich geworden.

Pro-Israel News: Der Titel der Ausstellung hat den Klang von Abschluss, von einem Ende. Was heisst es für unseren Umgang mit der Shoah, wenn bald keine direkt Betroffene mehr zu den Ereignissen befragt werden können?

Anita Winter: Wir haben einfach realisiert in unserer Stiftung, dass wir uns an einem entscheidenden Moment in der Wissensvermittlung in der sog. „Holocaust Education“ befinden, dass es nicht mehr lange dauert, bis die letzten Zeitzeugen nicht mehr unter uns sind. Damit einher ging die Erkenntnis, dass Zeitzeugen nicht ersetzbar sind. Zu Beginn des Projektes haben wir uns auch Sorgen gemacht, denn für die Zeitzeugen bedeutet es eine ungeheure Anstrengung, sich zu öffnen, ihre Erlebnisse in Worte zu fassen, obschon diese einem fast die Sprache rauben. Sie sagen es selbst, für sie bedeutet darüber sprechen, ein erneutes Erleben. Ausnahmslos haben sie jedoch alle bekannt, dass das Erzählen für sie eine Verpflichtung sei, auch jenen Verwandten gegenüber, die nicht überlebt haben. Und ich bin diesen Überlebenden unheimlich dankbar dafür, dass sie diese Kraft gefunden haben.

P-IN: Wie würden Sie den Charakter der Ausstellung umschreiben?

A.W.: Wie gesagt, wir hatten realisiert, dass es wohl der allerletzte Moment ist, um den direkt Betroffenen ein Gesicht und eine Stimme zu geben. Unsere Absicht war es, mit Menschen die heute in allen Sprachregionen der Schweiz zuhause sind, zu arbeiten, ihre Geschichten zu dokumentieren, auch wie sie in die Schweiz gekommen sind. Die Vierzehn sprechen stellvertretend für die rund 450 noch in der Schweiz weilenden Überlebenden. Diese Überlebenden waren damals in einem Alter, wie die heutige Jugend. Ihre damalige Wirklichkeit Generationen übergreifend dokumentieren zu können, eben auch für jene, die heute in ihrem Alter sind, geht sehr nahe.

P-IN: Die Ausstellung zeigt Menschen, die in den 1920er bis 1930er Jahren geboren wurden, und somit bei ihrer Befreiung als junge Erwachsene galten. Der Holocaust stellt in ihrem Leben eine Zäsur dar, der ihre Entwicklung jäh und brutal unterbrochen hatte: es gab die heile Welt vorher, und dann brach das Böse über sie herein.

A.W.: Und diese Menschen sind nicht nur zurückgekommen, sie haben den grössten Teil ihres Lebens danach gelebt. Aktiv gelebt, Leben gestaltet. Der Lebenswille, die Resilienz ist erstaunlich. Iihr Beispiel verdeutlicht, was Menschen möglich ist. Sie hatten mit eigenen Augen gesehen, wozu Menschen fähig sind. Wir hören dies zwar, aber sie haben es selbst erlebt. Dass dies nie wieder geschehen darf, das ist die Botschaft der „Holocaust education“.

P-IN: Es gab, von den 1990er Jahren bis 2011 die sog. Kontaktgruppe der Überlebenden des Holocaust. Sie löste sich selbst auf …

A.W.: … aber sie treffen sich noch immer.

P-IN: Ja, das stimmt. Es gibt aber auch die Stimmen in der Bevölkerung, auch in der jüdischen Bevölkerung, die nicht mehr über den Holocaust sprechen wollen. Die sagen, es sei genug, man wolle sich der heutigen Welt, den akuten Problemen zuwenden. Wie erleben Sie die Besucher, wie ist das Echo auf die Ausstellung?

A.W.: Das ist es was uns am meisten überrascht hat. Wir wurden vom ersten Tag an überrannt, das Interesse ist enorm. Die öffentlichen Führungen, welche wir anbieten, waren am ersten Tag schon ausgebucht, wir waren gezwungen, das Angebot zu erweitern. Das Echo ist durchwegs positiv, nur Zustimmung, so erleben wir dies in der Stiftung. Wenn es kritische Stimmen gibt, so in dem Sinne, dass wir die Ausstellung verlängern müssten. Gerade das Interesse von jungen Menschen ist beeindruckend, ihr Bedürfnis und ihre Bereitschaft, Zeitzeugen zu begegfnen, ihnen zuzuhören. Wenn wir solche Gesprächsmöglichkeiten an Schulen vermitteln, sind die Termine innert kürzester Zeit voll ausgebucht – Schüler, Lehrer – ein enormes Interesse. Und das Feedback: am häufigsten hören wir, die Stunde mit Holocaust-Überlebenden sei das beeindruckendste Erlebnis des Schuljahres.

P-IN: Aus eigenem Erleben weiss ich: der Holocaust war zu unserer Schulzeit nicht präsent, Geschichtsunterricht hörte mit dem Ersten Weltkrieg auf.

A.W.: Ja, das knüpft auch an mein eigenes Leben an. Wenn mir meine Mutter, bei Spaziergängen, auch nur kleine Geschichten, Einzelerlebnisse erzählte … da war auch, dass ich nicht wollte, dass sie leidet und wieder weinen muss … und daher waren Berichte von Überlebenden häufig nicht möglich. Es war also nicht ein mangelndes Interesse, es ist vielleicht ein Ansatz, weshalb die Shoah in unserer Generation so etwas wie ein Tabu gewesen war. Ein weiterer Aspekt ist auch, in Israel sieht man dies sehr stark, bei den Überlebenden, die nach Israel eingewandert waren: sie waren in ein Land gekommen, das um seine nackte Existenz hat kämpfen müssen. Und dort sie waren mit Fragen konfrontiert, weshalb sie sich nicht gewehrt haben, es wurde generell nicht verstanden, dass man ausgeliefert war, dass man sich nicht wehren konnte. Und sie haben sich dann geschämt, dass sie in diese Opferrolle gedrängt worden sind – das ist für mich absolut nachvollziehbar. Und dies ist ursächlich dafür gewesen, dass man nicht geredet hat, über Jahre, ja sogar Jahrzehnte lang. Erst jetzt, mit diesem zeitlichen Abstand hat sich eine andere Dimension eröffnet, die ein Sprechen ermöglicht hat.

P-IN: Und die Schweiz?

A.W.: Ich empfinde gegenüber der Schweiz eine grosse Dankbarkeit. Meinem Vater ist, als einzigem aus seiner Familie, die Flucht in die Schweiz, nach der Reichs-Progrom-Nacht, gelungen. Und sein Aufenthalt war möglich geworden, weil sich einzelne Menschen über das geltende Recht auch hinweggesetzt haben und einem kleinen Jungen den Verbleib hier ermöglicht hatten. Und durch individualisierten Lebensgeschichten ermöglichen wir eine Enttabuisierung des Themas auch hierzulande.

P-IN: Und mit Ihrer Ausstellung tragen Sie dazu ein grosses Stück bei.

Herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Informationen zur Ausstellung

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