2017-01-27: Gedenken an die Opfer des Holocaust

Erneut fand die Gedenkveranstaltung an die Opfer des Holocaust in den Räumen des Yehudi Menuhin Forums am Berner Helvetiaplatz statt. Beeindruckend und erschreckend zugleich war das Ausmass des Sicherheitsdispositivs: wohl nicht nur der vielen Diplomaten wegen war das Gebäude weiträumig isoliert worden, und innerhalb der Sicherheitszone standen die Spezial-Einsatzkräfte mit ihren Gewehren im Anschlag. Dafür, dass sie ihren Auftrag, draussen vor der Tür wie auch drinnen im Saal, mit dem notwendigen Feingefühl verrichteten, gebührt ihnen an dieser Stelle ein grosses Dankeschön. Der Würde der Veranstaltung tat ihre Präsenz keinen Abbruch.

Der Anlass von 2017 stand im Zeichen der Frage, wie angesichts des Voranschreitens der Zeit und dem altersbedingten Tod der Zeitzeugen, die Erinnerung und die Aufarbeitung der Geschichte dieses grössten Verbrechens mitten im zivilisierten Europa fortgesetzt werden kann. Davon zeugten nicht zuletzt der Vortrag des Chefs Historischer Dienst des EDA, sowie das Auftreten eines der letzten Zeitzeugen der Holocaust, Professor Ivan Lefkovits. Dass ein solcher Anlass nicht ohne Stolperfallen daherkommt, wurde mehrfach deutlich.

Es scheint in Mode gekommen zu sein, von der Shoah nicht mehr als dem vorläufigen Kulminationspunkt von zwei Jahrtausenden antisemitischer Verfolgung der Juden zu sprechen. Nein, in einer vermeintlich politisch korrekten Welt spricht man lieber gar keine Gruppen explizit an. So auch die Bundespräsidentin Doris Leuthard in ihrem Grusswort: sie gedenkt der „Opfer des Nationalsozialismus“, den „vielen Menschen“, einer „Überlebenden des Konzentrationslagers Bergen-Belsen“, die sich nach der Shoah in der Schweiz niedergelassen hat. Erst am Ende der Botschaft wird, ein einziges Mal, von den „Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes an der jüdischen Bevölkerung, an Roma, Sinti und anderen Minderheiten“ gesprochen.  Das ist Geschichtsklitterung, das ist verlogen – es ist falsch! Wenn man einmal anfängt, den Holocaust als eines unter vielen dunklen Punkten der Geschichte zu sehen, und insbesondere wenn man anfängt, ihn in ähnlich folkloristischen Weise zu unterrichten, wie die Verfolgung der frühen Christen oder die Hexenverbrennungen, spuckt man auf die Gräber und Mahnmale der Toten, wie in die Gesichter der Überlebenden.

Botschafter Benno Bättig, der Generalsekretär des Eidgenössischen Department des Äussern (EDA), der in wenigen Wochen für die Schweiz den Vorsitz in der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) übernehmen wird, verlas das Grusswort Leuthards. Es kann kein Zufall sein, dass er zu Beginn seiner Rede – gehalten auf Deutsch, Französisch und Englisch, jedoch nur in dieser letzteren Sprache auf der Website des EDA veröffentlicht – von den Werten der Schweiz, wie etwa die Freiheit der Geschichtsforschung oder der Akzeptanz einer „nuancierten Sicht unserer nationalen Vergangenheit, in allen ihren Aspekten“ sprach. Dass er daran anschliessend zuerst von den „schmerzhaften wirtschaftlichen Zugeständnissen“ sprach, welche die Schweiz für das Verschontwerden vom Krieg eingehen musste, muss angesichts des Hungertodes in den Konzentrationslagern, gelinde gesagt, eigenartig anmuten. Wenn Bättig dann auch noch erwähnt, die Schweiz hätte zehntausende Menschen aufgenommen, die vor Krieg und Verfolgung geflohen waren“, und gar betonte, die Alliierten hätten es „geschätzt, dass die Schweiz ihre Interessen in einer Anzahl von Ländern“ vertreten hatte, so klingt es als blanker Hohn im Land, das die geistige Urheberschaft für die besondere Kennzeichnung der Pässe von Juden sich anrechnen lassen muss, und das sich schon früh hinter der Losung, das Boot sei voll, verkroch. Damit straft er seinen eigenen Anspruch Lügen, niemals eine „offizielle Version der Geschichte“ diktieren zu wollen.

Bättig nannte für das Präsidialjahr in der IHRA drei prioritäre Ziele: die Erziehung und Lehre, die Jugend, und die Sozialen Medien. Beispielhaft nannte er drei Projekte: (1) „Fliehen vor dem Holocaust“ des Lehrerseminars Luzern, in Zusammenarbeit mit österreichischen und deutschen Institutionen, ist eine Web-Applikation, welche die Zeugnisse von Verfolgten darstellt und diese in einen historischen Kontext stellt; (2) das Lehrerseminar des Waadtlandes wird im Rahmen einer Konferenz untersuchen, wie der Holocaust gelehrt wird; (3) die Wanderausstellung „The Last Swiss Survivors of the Holocaust“ des Gamaraal Foundation richtet sich an eine breite Öffentlichkeit und präsentiert kurze Texte von und Interviews mit Überlebenden.

Ein weiteres Projekt, die Aufzeichnungen von Holocaust-Überlebenden, stellte Dr. François Wisard, Leiter Historischer Dienst des EDA vor. Illustriert wurden diese Bänder durch den deutschen Künstler Gerhard Richter, dessen Werke zuletzt in der Riehemer Fondation Beyeler präsentiert worden waren. Im Präsidialjahr in der IHRA werden einzelne dieser von Überlebenden verfassten Texte in französischer Sprache, übersetzt durch Schulklassen in der Westschweiz, herausgebracht. Bättig zitierte den Nachfahren eines dieser Überlebenden, der zu Recht darauf verwies, dass Geschichte durch die Arbeit der Kontaktstelle lebendig erhalten und an die Nachfolge-Generation tradiert wird.

Als letzter Redner ergriff einer dieser Überlebenden das Wort. Prof. Ivan Lefkovits, der als 7-jähriger Junge 1944 nach Ravensbrück und nach Bergen-Belsen verschleppt worden war, kam nach dem Krieg mit seiner Mutter in die Schweiz. Den älteren Bruder, der von ihnen bei der Ankunft in Ravensbrück getrennt worden ist, haben sie nie wieder gesehen. Seine Geschichte, die er in ruhigen, unprätenziöser Art vortrug, zeigte das ganze Spektrum des Grauens. Der Herausgeber des 2016 im Jüdischen Verlag des Suhrkamp Verlagshauses erschienenen 15-bändigen Sammlung „Mit meiner Vergangenheit lebe ich“ trug vor, wie es zu diesem Werk und insbesondere wie die Zusammenarbeit mit dem Künstler Gerhard Richter zustande gekommen ist, nachdem sich die als Verein konstituierte „Kontaktstelle“ 2011 selbst aufgelöst hatte um, wie ihr Gründer Gàbor Hirsch sagt, der natürlichen Auflösung durch Ableben der Mitglieder zuvorzukommen. Lefkovits Mutter fand erst 1995 die Kraft und den Mut, ihre Erlebnisse aufzuschreiben.

Der würdige Anlass wurde durch das „Kaddisch“, dem Gebet der Trauernden, vorgetragen von Rabbi David Polnauer, abgeschlossen. Bei einem kurzen Empfang im Anschluss an die Veranstaltung beantwortete Prof. Lefkovits noch geduldig Fragen einzelner Anwesender.

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