Der Soldat Elor Azaria

Gestern, als in Tel Aviv das Urteil – während über zwei Stunden – verlesen wurde, als die Emotionen vor dem Gebäude bereits hochgekocht waren, ging mir ein Erlebnis aus meiner eigenen militärischen Vergangenheit durch den Kopf. Ich war Mitte 20, und der ranghöchste Armeeangehörige bei einer Verschiebung von unserer Basis nahe Zürich ins Tessin. Bereits bei der Abfahrt um 4 Uhr morgens pustete ein ordentlicher Wind, der sich zu einem der heftigsten Föhnstürme des Jahrzehnts entpuppen sollte. Am Vierwaldstättersee sahen wir bereits die Waldbrände am gegenüber liegenden Ufer, als ein heftiger Windstoss die Plane von unserem Truppentransporter riss. Ich rief auf der Basis an: „Wir sind in A….“ – weiter kam ich nicht, der Kommandant am anderen Ende schrie nur „TOZZA, die Leitung ist nicht klassifiziert!“. Die Abkürzung stand für Truppen, Orte, Zahlen, Zeiten, Absichten – die Eselsbrücke für die Geheimhaltung in der damaligen Schweizer Armee. Und so mühte ich mich ab, vom Malheur verklausuriert zu reden, und die nicht minder gewundenden Befehle meines Vorgesetzten zu interprätieren: „Nehmen Sie Ihre Leute und fahren mit dem anderen Verkehrsmittel durch das andere Loch dort! In den Kleidern und mit dem Papier in der Hand müssen Sie ja nicht bezahlen!“

Der Prozess gegen den Sanitäter Azaria hatte 8 Monate gedauert. Unsere „Luxusprobleme“ dürften für den 18-jährigen völlig fremd sein. Ja, ich denke, sie sind es selbst für die heutigen Schweizer Soldaten, die ihr Gepäck nicht mehr „buckeln“ müssen, weil unser Land ihnen Rollkoffer anstatt „Eff-Säcke“ zur Verfügung stellt. Elor Azaria stand aber an jenem Märztag des letzten Jahres in der Nähe von Hebron am Schauplatz eines Kampfes auf Leben und Tod, als ein Terrorist versucht hatte, Elors Kameraden mit einem Messer anzugreifen. Zum Zeitpunkt, als Azaria herbeigerufen worden war, um einen Verletzten zu versorgen, lag der Angreifer bereits am Boden, angeschossen und wohl kampfunfähig. Dass es zum Prozess gekommen war, lag nicht zuletzt daran, dass Azarias Vorgehen gefilmt wurde. Israelische Nichtregierungsorganisationen kaufen sich Handlanger, statten diese mit Kameras aus und lassen sie systematisch Zusammentreffen von israelischen Soldaten mit Arabern – an Checkpoints oder bei „Demonstrationen“ filmen. Und die Handlungen dieses Zusammentreffens, die Azaria vornahm, sahen nicht gut aus: ein gezielter Kopfschuss, aus nächster Nähe, auf einen regungslos am Boden liegenden Angreifer abgegeben, der zu dessen Tod führte.

Und ich fragte mich gestern, was der junge Elor Azaria wohl alles dafür gegeben hätte, nur meine Probleme gehabt zu haben. Gewiss, bei der Aushebung werden in Israel alle Jungen gefragt, ob sie sich Dienst bei einer Kampfeinheit wünschen. Aber hat man mit 18 – egal ob Israeli oder Schweizer – konkrete Vorstellungen darüber, was das bedeutet? Wohl kaum, und gerade als Sanitäter denkt man auch über den Kampf anders nach, als dass man sich vergegenwärtigte, einen Terroristen endgültig aus dem Verkehr ziehen zu müssen. Das war es nämlich gewesen, wie Azaria seine Situation gesehen hatte, und innerhalb kürzester Zeit zu seinem Entschluss kam und diesen durchzog. Er hatte nicht den Luxus der nachträglichen, durch die Obduktionsbefunde belegten Gewissheit, dass von dem Mann keine Gefahr mehr ausging. Vielleicht hatte ihm sein Verstand auch einen Streich gespielt und er meinte wirklich eine Bewegung beim Terroristen gesehen zu haben, als er seine Waffe zum Schuss anhob und abdrückte. Nur er kann dies wissen, niemand sonst. Genauso ist es aber auch möglich, dass Azaria im Geiste erzogen worden war, diese Terroristen hätten nichts Anderes als den Tod verdient, würden jedoch anstatt dessen früher oder später doch ausgetauscht. Nur um zuhause als Helden gefeiert zu werden, welche als Vorbilder für seine gleichaltrigen arabischen Nachbarskinder hochstilisiert werden. Auch das wissen wir nicht.

Elor Azarias Leben ist durch das Geschehene für immer gezeichnet. Er wird bis ans Ende seiner Tage mit dem Leben müssen, was an jenem verhängnisvollen Tag im März 2016 passierte. Und darum hat er eine Begnadigung verdient.

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