Vom Stinken der geschälten Zwiebel

[Rückblende: das schrieb ich vor einem Jahr]

Heute vor einem Jahr verstarb Günter Grass, für mich der Mann, dessen Verhalten und Gebaren die Notwendigkeit der Losung „Nie vergessen“ am deutlichsten personifiziert hat.

Grass lebte ein Leben der Verleugnung, er fand erst kurz vor seinem Tod überhaupt erst die Worte, die er wohl besser fünfzig Jahre davor, in dieser Deutlichkeit,hätte aussprechen sollen. Der Mann, dessen Sprache in der „Blechtrommel“ zu Recht mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet worden war, hat diese Fähigkeit des sprachlichen Ausdrucks längst eingebüsst. Abgeschliffen in den Wahlkampfreden für die deutschen Sozialdemokraten, erodiert im Kuddel-Muddel seines politischen Wirrkopfs, teilte er zunehmend brüsk aus. Wohl um mit seiner eigenen Erinnerung fertig zu werden.

Sein pazifistisches Gedicht, erdacht als Ausdruck eines als israelkritische Haltung kaschierten Antisemitismus, und davor schon sein Alterswerk vom „Schälen der Zwiebel“, stellen in der Rückblende wohl den in ihm tobenden Kampf dar, die Dämone seiner Lebenslüge nieder zu ringen. Die Entschuldigung, 1944 wäre man nur noch als Teil einer reinen Abwehreinheit in die SS zwangsverpflichtet worden, klingt hohl angesichts der Tatsache, dass er so lange brauchte, um sich der Wahrheit – ausweichend – zu stellen.

Grass war kein Kriegsverbrecher – aber er war wohl so etwas wie ein „Friedensverbrecher“. Einer, der stets nur austeilte, in einer Art von Realitätsflucht, der sich als moralische Instanz aufspielte, obwohl das Fundament, worauf seine Moral aufbaute, morsch und künstlich auf einer Lebenslüge geschüttet war. Und der er letztendlich nicht mehr entrinnen, der er sich am Ende des Lebens stellen musste, bevor es ihm erlaubt war abzutreten von dieser Welt. Durch die Art, wie er dies alles tat, ist er zu einem Abbild deutscher „Befindlichkeit“ geworden: im Spannungsbogen zwischen unbewältigter Vergangenheit und dem Wunsch nach vorne zu schauen, hinterlässt er ein Mahnmal, dass ein Vergessen unmöglich macht. Und das ist gut so!

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